Kapillarität
Der Begriff Kapillarität beschreibt die Wesensart, die
Flüssigkeiten bei Kontakt mit Kapillaren wie engen Röhren
oder aber auch in festen, porigen Körpern zeigen. Abgesehen
von den Schulversuchen die mittels Glasröhrchen, Strohalm
oder Füller den Kapillareffekt über die Oberflächenspannung
/ Grenzflächen-spannung erklären, will ich mich auf das
Bauwesen beschränken.
An vielen Gebäuden, Alt- wie Neubauten, sind
Kapillareffekte zu beobachten. Je nach Porenaufbau können
Baumaterialien in unterschiedlicher Menge/Höhe Feuchtigkeit
entgegen der Schwerkraft aufnehmen / „aufsteigen“ lassen.
Die Kapillarität „bestimmt“ sowohl wie schnell ein Material
Wasser aufnehmen kann, dass mit anstehender Feuchtigkeit in
Berührung kommt, aber auch, wie schnell es diese auch
wieder abgeben kann. Anstehende Feuchtigkeit resultiert
beispielsweise aus Spritzwasser, Kondenswasser,
Bodenfeuchte, Regen etc.
Unterschiedliche
Kapillaritäten
Unterschiedliche
Materialen, Porigkeiten, zeigen auch eine unterschiedliche
Feuchtigkeitsaufnahme und ein unterschiedliches
„Saugverhalten“. Eine Unterbrechung eines homogenen
Porengefüges (beispielsweise durch eine grobporigere Fuge)
wird zum Abriss des Kapillartransportes führen.
Wasseraufnahmekoeffizient
Um die
Kapillarität von Baustoffen besser differenzieren zu
können, wird der Wasseraufnahmekoeffizient verwendet.
Dieser beschreibt wie viel Wasser (in kg) ein Quadratmeter
vollkommen trockenes Material innerhalb eines bestimmten
Zeitraumes aufnehmen kann.
Unterschieden wird wie folgt:
Wasseraufnahmekoeffizient w
Verhalten entgegen Wasser
in kg/(m²h0,5 )
> 2,0 stark saugend
≤ 2,0 Wasser hemmend
≤ 0,5 Wasser abweisend
≤ 0,001 wasserdicht
Im folgenden eine Übersicht über
Wasseraufnahmekoeffizienten bei gebräuchlichen Baustoffen
Baustoff Rohdichte in kg/m³ Wasseraufnahmekoeffizient
Gipskartonplatten 900 35 – 70
Gipsputz 1200 40
Vollziegel 1800 20 – 30
Lehmputz 1800 30
Weißkalkputz 1200 7
Porenbeton 400 4 – 8
Kalksandstein VZ 1800 4 – 8
Kalkputz 1800 4 - 7
Kalkzementputz 1800 2 – 4
Zementputz 2100 2 – 3
Bauhölzer 600 2 - 3
Bimsbeton 600 1,5 – 2,5
Stahlbeton 2500 1,1
Mineraldämmplatte 115 0,45
Kunststoffdispersion 1400 0,05 – 0,2
Bei
Baustoffen mit einem kleinen Wasseraufnahmekoeffizienten,
die eine nur wenig ausgeprägte Kapillarität besitzen, ist
eine hohe Wasseraufnahme erkennbar, es wir mehr Wasser
kapillar transportiert.
Besitzt ein Baustoff hingegen ein ausgebildetes
Kapillarsystem, z. B. mit Kapillaren unterschiedlichen
Durchmessers besitzen diese Baustoffe zwar eine großes
Feuchteaufnahme – aber auch ein entsprechend großes –
abgabevermögen. Als Beispiel wären hier Vollziegel zu
nennen.
Andere Baustoffe weisen eine eher geschlossenzellige
Struktur auf, die nur wenig Kapillaren zwischen den Zellen
besitzen. Diese Baustoffe – beispielsweise Gasbeton – weise
eine große Feuchtigkeitsaufnahme, aber ein sehr geringes
Vermögen zur Feuchtigkeitabgabe auf.
Baustoffe wie Beton weisen eine Struktur von kleinen,
abgeschlossenen Kapillaren auf, die ein geringes Aufnahme-
und auch Abgabevermögen besitzen.
Der kapillare Transport innerhalb eines Materials findet
immer vom feuchteren hin zum trockneren Bereich statt.
Während ein wirklich trockenes Material mit ausgeprägter
Kapillarität viel Wasser transportieren kann tritt auch
hier mit zunehmender Feuchte eine Sättigung ein und es kann
immer weniger Wasser aufnehmen. In Wänden, die aus
unterschiedlichen Schichten errichtet wurden, die auch eine
unterschiedliche Kapillarstruktur aufweisen (z. B. Ziegel
und Mörtel) wandert die Feuchtigkeit immer in Richtung der
feineren Kapillarstruktur (also der höheren
Wasseraufnahmefähigkeit, größerer w-Wert) Schichten mit
groben Strukturen (Mörtel, kleinerer w-Wert) werden dabei
von der anliegenden feineren Struktur nahezu getrocknet.
Wenn in
einem Baustoff Wasserdampf ausfällt wird diese Feuchtigkeit
im kapillar aufgebauten Material zur trockneren, wärmeren
Seite der Wand transportiert, wo es dann wieder verdunsten
kann. Eine Nässung der Wand findet nicht statt.
Die Austrocknung frisch gebauter Wände, Decken, Estriche,
etc. findet auf die gleiche Weise statt: Die Feuchtigkeit
wird ausschließlich über Kapillartransport zur
Bauteiloberfläche transportiert, wo diese dann verdunstet.
Selbst Altbaukeller, die nicht äußerlich gegen Feuchtigkeit
abgesperrt wurden, bleiben ausreichend trocken; es sei denn
der Transport wird durch falsche Materialien/Maßnahmen
behindert.
Behinderung
des Kapillartransportes
In
Kellerräumen sind immer wieder Zementputze, Fliesenbeläge,
Farbbeschichtungen (auch wasserabweisend, hydrophobierend,
etc), Gipskartonverkleidungen u.ä. an den Wänden zu finden,
analog hierzu immer wieder die Schadensbilder von
Salzausblühungen und Schimmelbefall bis hin zum Schwamm.
Gleiches kann für Be- /Verkleidungen und Beschichtungen im
außen liegenden Sockelbereich gelten; hier wären dicht
abschließender Zementputz, absperrende Farbbeschichtungen
und Verklinkerungen als Beispiele zu nennen.
Mit vorgenannten und ähnlich absperrenden Materialien wird
der Kapillartransport behindert/unterbunden, denn diese
innen liegenden Feuchtigkeitsperren verhindern den
Transport von Feuchtigkeit zur Wandoberfläche hin. Die
natürliche Verdunstung kann nicht mehr stattfinden und der
Feuchtegehalt der Wand nimmt zu. Die Feuchtigkeit tritt
oberhalb der absperrenden Schicht(en) zu Tage.
Die viel beschworene „Aufsteigende Feuchtigkeit“ gibt es in
diesem Sinne nicht natürlich, sondern nur hausgemacht.
Das Schadensbild ist zunächst nur
eine
feuchte Wand, dann mit Ausblühungen und/oder Schimmel. Mit
dem Wechsel der Jahreszeiten wird sich das Schadensbild
aber dauerhaft verändern. Der herannahende Winter bringt
fallende Temperaturen aber auch trocknere Luft mit sich.
- Ein funktionierendes Wandgefüge kann seine Feuchtigkeit
an die Umgebungsluft abgeben, je nach Temperatur,
Luftfeuchte und Wind in unterschiedlicher Geschwindigkeit.
Wenn der Frost an den Wänden ankommt ist im
funktionierenden Gefüge kein gebundenes Wasser mehr in den
Kapillaren, das zu Frostschäden führen kann.
- Bei feuchten Wänden mit abgesperrten Oberflächen kann das
Wasser nur schwerlich verdunsten und bei dessen
Kristallisation im Frostfalle werden Putz und Anstrich auf
Dauer geschädigt.
Austrocknung
von genässten Wänden
Wenn
beispielsweise sperrende Schichten, undichte Rohre oder
ähnliche Ursachen beseitigt worden sind können feuchte
Bauteile wieder abtrocknen. Wie oben beschrieben wird das
Wasser in Richtung der Oberfläche geführt, wo dieses dann
verdunsten kann. Ab einem bestimmten Trocknungsgrad beginnt
das „verbundene Wassernetz“ im Bauteilgefüge abzureißen und
einige Poren sind nicht mehr mit Wasser gefüllt. In diesem
Stadium verlangsamt sich die Trocknung der Wand, da nach
dem Kapillarabriss die im Bauteil befindliche Feuchte
ausschließlich durch Dampfdiffusion aus dem Bauteil
entweichen kann. Dies geschieht bis zum Grad einer ständig
vorhandenen Restfeuchte, die in nahezu jedem Bauteil
immanent vorhanden ist.
Die Trocknungsdauer ist hauptsächlich abhängig von der
Stärke des Bauteils, der Ausgangsfeuchte, der Belüftung,
der umgebenden Temperaturen und kann bis zu mehreren Jahren
dauern.
Bei gleicher Sättigung trocknen Baustoffe mit einer stark
ausgeprägten Kapillarität (Vollziegel, Lehm, etc.) weitaus
schneller als Baustoffe mit niedriger Kapillarität (Beton,
Dämmplatten, Kunstharzdispersionsanstriche, etc.). Das
klingt nach einem klaren Pluspunkt für die Baustoffe mit
der ausgeprägten Kapillarität, jedoch transportieren diese
auch Bestandteile aus Luftverschmutzungen, Salze, etv.
Schneller in das Bauteilinnere. Ein veranschaulichendes
Beispiel sind hier ehemalige Stallungen die zu Wohngebäuden
umfunktioniert wurden und die im Bauteil befindlichen
Fäkalsalze mit der Feuchtigkeit an die Oberfläche
transportieren.
=> weiter zu
Salpeter